Die Brachial Romantische Haus Apotheke
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GEFALLENE ENGEL
(Der Song zum Sonnenschirm-Button)

GEFALLENE ENGEL

Da sitzt man unterm Sonnenschirm
Will die Welt genießen
Liest im Musenalmanach
Damit die Stunden nett verfließen
Man will ein bisschen Spaß
Nicht zuviel Bewegung
Sonst reicht die Kokosflocke nicht
Als Nachmittagsverpflegung
Da pfeift es überm Sonnenschirm
Und Wachs tropft auf die Seiten
Ein Schrei zerreißt mein Ohr
Als wölle er die Luft zerschneiden
Ein junger Mensch kommt flügelrudernd
Aus der Höhe nieder
Ich springe aus dem Liegestuhl
Und brülle: Nicht schon wieder!

Da fährt er auch schon passgenau
Mit seiner allerwerten Ritze
Markerschütternd brüllend
In die Sonnenmöbelspitze –
Womit hab ich das verdient?
Da trachtet man sich rauszuhalten
Will sich bilden und studiert
Im Musenalmanach die Alten
Meister, die mit ihren Werken
Uns so viel zu sagen haben
Dass man lebenslänglich könnte
Sich darein vergraben
Um vom Baume der Erkenntnis
Sich die Taschen vollzustopfen
Mit Äpfeln, die man dann gedenkt
Der eignen Birne aufzupfropfen

Den Ikarus hat nach dem Fall
Eine Ohnmacht übermannt
Seine Flügel sind geschmolzen
Hängen hilflos übern Rand
Ich hatte es schon kommen sehn:
Der Fünfte diese Woche
Der aus allen Wolken fällt
Welch seltsame Epoche
In der wir heutzutage leben
Beziehungsweise statt zu leben
In einer Tour versuchen
Von der Erde abzuheben –
Der Mensch ist kein Vogel
Er ist viel zu schwer
Nur, weil er so viel vögelt
Denkt er, dass er einer wär

Sieh, da kommt schon wieder einer
Und beim Nachbarn plauzt es auch
Im Antennenrechen fängt sich
Eben einer mit dem Bauch
Lauter hoffnungsvolle Menschen
Vom Sonnengleiß verwirrt
Heben sie vom Boden ab
Seht, wie‘s durch die Lüfte schwirrt
Wie’s durch die Atmosphäre geistert
Strampelt, segelt, flattert
Bis es dann unweigerlich
Auf das Pflaster runterplattert
Es ist der Reiz, es ist der Rausch
Es ist der kollektive Wahn
Da hilft keine Medizin
Da kommt nichts dagegen an

Sie stehen auf den Dächern Schlange
Sie verleugnen die Natur
Recken ihre Ikarüssel
Sehnsuchtsvoll in den Azur
Sie wollen auf die Schnauze fliegen
Da muss man sie halt fliegen lassen
Wenn sie‘s nicht tun, denken sie
Womöglich, dass sie was verpassen
Der Mensch wird nur durch Schaden klug
Und Klugheit braucht es eimerweise
Besieht man sich am Arsch der Welt
Den immensen Haufen Scheiße
Der so was von zum Himmel stinkt
Dass die Erde weint –
Obwohl die Sonne schön wie nie
Über Deutschland scheint


Beckert/Wolff 7.9.93

veröff. auf Live in der Berliner Kalkscheune (1997)

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