Die Brachial Romantische Haus Apotheke
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DICHTUNG UND WAHRHEIT
oder DIE BIENE

Ich geh für mich hin, die Natur zu betrachten
Erfreu mich daran, wie der Flieder so blüht
Da kommt eine hässliche Biene vorbei
Und sticht mir jäh ins Augenlid
Mit zugeschwollnem linken Auge
Dünkt die Welt mich kalte Lauge

Dieses Gedicht, dem eine leidvolle persönliche Erfahrung zugrunde lag, sandte der Dichter hoffnungsfroh an seinen Lektor. „Endlich mal ein Gedicht gegen diese Scheißbienen“, jauchzte der Lektor.
„Aber ob das wohl gut geht?“ fügte er kleinlaut hinzu, „hässliche Biene, linkes Auge ...“
Vorsichtshalber leitete er den Text zur Begutachtung an den Imkerverband weiter.

Gutachten: Wir vom Imkerverband begrüßen die erfrischende Direktheit, mit der sich der Lyriker seinem Stoff gestellt hat, einem Stoff, von dem er, wie wir ihm bescheinigen können, keine Ahnung hat. Bienen sind nicht hässlich, sondern attraktiv braungelb gesprenkelt! Zweitens: Eine Biene aus unserem Korb greift niemanden grundlos an. Der Genosse Dichter wird im inneren Tiefsten schon wissen, auf welchem Kerbholz er sitzt. Mit honigsüßem Lächeln etc. pp.

Der Lektor sprach mit Gedicht und Gutachten beim Verlagsleiter vor.
„Haha“, prustete dieser, „das spricht mir aus dem Herzen. Aber – vielleicht sollten wir den Genossen Dichter fragen, ob es das rechte Auge nicht auch getan hätte. Ich befürchte da gewichtige Einwände. Und was den Gegenstand ,Biene‘ angeht, sollten wir uns von der WKK, der Werktätigen-Kosumenten-Kontrolle, den Rücken decken lassen.“

Ich geh für mich hin, die Natur zu betrachten
Erfreu mich daran, wie der Flieder so blüht
Da kommt eine attraktiv gesprenkelte Biene vorbei
Und sticht mir jäh ins Augenlid
Mit zugeschwollnem rechten Auge
Dünkt die Welt mich kalte Lauge

Hinter vorgehaltener Hand fand das Gedicht bei der WKK beifällige Benicker.
„Aber – wir können dem Honigfreund, sprich Leser, dessen unbeschwertes Gemüt an unseren klebrigen Händen pappt, keine emotionale Belastung seines Verhältnisses zur Biene zumuten. Die Biene ist ein Symbol, das den emsig Schaffenden versinnbildet, und dieser kann nicht von einem intellektuellen Tunichtgut durch seinen eigenen Kakao geschleift werden! Wir empfehlen statt der Biene das Insekt Wespe zu verunglimpfen. Lassen Sie sich das aber sicherheitshalber von der Reizwortfahndung absegnen.
P.S. Sollte man anstelle des Flieders nicht eine dem Werktätigen näher stehende Nutzpflanze einsetzen?“

Ich geh für mich hin, die Natur zu betrachten
Erfreu mich daran, wie der Hopfen schön blüht
Da kommt eine attraktiv gesprenkelte Wespe vorbei
Und sticht mich versehens ins Augenlid
Mit zugeschwollnem rechten Auge
Dünkt die Welt mich kalte Lauge

Der Semantiker bei der Reizwortfahndung äußerte sich zurückhaltend über den dichterischen Wert des ihm zur Merzung zugestellten Gedichtes.
„Genossen! Ich gebe zu bedenken, dass der phonetische Gleichklang von ,Wespe‘ und ,Westen‘ falsch verstanden und nicht zugemutet werden sollte. Ist hier etwa gemeint, der Wespen mit seiner hohlen Fassadenpracht stäche dem Dichter ins Auge und vermiese ihm den einheimischen Hopfen? Sie sehen schon, dass sich hier ein Schlund an irrationalen Fragen auftut, in den der unbedarfte Lyrikfreund, so er nicht von uns an die Hand genommen wird, unfehlbar tapsen muss! Die Arbeit von Zehntausenden Agitatoren wäre durch einen einzigen unbedachten Zungenschlag zunichte gedichtet. Welch infernalische Bilanz! Wir bitten deshalb, statt der Wespe gefälligst die ebenso stechende, jedoch ideologisch keimfreie Mücke an den Pranger zu stellen. Beachten Sie dabei, dass das offizielle Verhältnis zur Mücke Schwankungen unterworfen ist. Ob des aktuellen Standes erkundigen Sie sich bitte beim LTI (Landes-Tabu-Institut).
Anmerkung: Wird der Begriff ,Natur‘ nicht in einer verdächig unparteiischen Manier gebraucht?“

Ich geh für mich hin, die Heimat zu betrachten
Erfreu mich daran, wie der Hopfen so blüht
Da kommt eine attraktiv gesprenkelte Mücke vorbei
Und sticht mich versehens ins Augenlid
Mit zugeschwollnem rechten Auge
Dünkt die Welt mich kalte Lauge

Der Zensor beim Landes-Tabu-Institut gab sich ungehalten, dass seine kostbare Zeit durch derart belangloses Reimwerk beansprucht würde.
„Dennoch möchte ich Sie dringlich an einen weltanschaulichen Lapsus gemahnen, der das mir zugeleitete Werk bedenklich erscheinen lässt: Wenn der Dichter die Welt, da ihm das rechte Auge zugeschwollen ist, mit dem linken betrachtet, und sie ihn dennoch ,kalte Lauge‘ dünkt, gerät das Werk in Widerspruch zu einer offiziellen Ungereimtheit. Unsere Traditionslinie leitet sich seit je von links her, wo das Herz sitzt. Tagtäglich stehen wir mit dem linken Bein auf, zu jeder Gelegenheit preisen wir die Überlegenheit der beiden linken Hände, und da kann es wohl kaum angehen, dass ein Freischaffender uns diese unsere Perspektive mürbe macht! Und überhaupt: Kalte Lauge! Wieso kalt? Unsere Devise ist: Warm! Wie warmherzig und warmblütig. Damit könnte der Autor auch andeuten, dass er der harmlosen kleinen Mücke verzeiht, wie es sich für einen erwachsenen Menschen gehört. Der Unterzeichnende wundert sich ohnedies, was für Lapalien heutzutage durch einen Dichterkopf geistern, wo doch solch große Aufgaben vor uns stehen. Wir vermuten schon vage eine Provokation – wenn es wenigstens eine Biene gewesen wäre ...
Gezeichnet Prof. Einhalt“

Ich geh für mich hin, die Heimat zu betrachten
Es begeistert mich, wie der Hopfen froh blüht
Da kommt eine harmlos gesprenkelte Biene vorbei
Und zwickt mich versehens ins Augenlid
Mit angedicktem rechten Auge
Dünkt die Welt mich warme Brühe

Die abgesegnete Ballade erschien im Oden-Journal „Reimjuwele“ und landete mit dreifachem Flop im Niemandsland. Die Literaturkritik war entsetzt, die Leser gelangweilt, Hunderte Abonnnements wurden gekündigt, diverse Kalauer über die landeseigene Dichterschaft kamen in Umlauf und der Autor auf die schwarze Liste der Ladenhüter. Im ungeputzten Volksmund, der zu Insektenstichen eine eigene fundierte Meinung hat, verbreitete sich eine verballhornende Fassung des Werkes, die von Volkskundlern als trivial und verroht bezeichnet wurde.
Während der Dichter sich aus Verzweiflung über seinen lädierten Ruf in einer Kellerdestille betrank, hörte er am Stammtisch ebendiese Parodie, welche, oh Wunder, seiner ursprünglichen Fassung aufs Haar glich. Just ging sein Herz auf, und er stimmte bierselig in den vertrauten Gesang ein. So kam es – unter Ausschluss der „Öffentlichkeit“ – zu einer Vermählung zwischen Dichter und Volk und hatten also alle Verantwortlichen recht gehandelt.

Ich geh für mich hin, die Natur zu betrachten
Erfreu mich daran, wie der Flieder so blüht
Da kommt eine hässliche Biene vorbei
Und sticht mir jäh ins Augenlid
Mit zugeschwollnem linken Auge
Dünkt die Welt mich kalte Lauge


Beckert/Wolff 08/1986; unveröff.

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